Wider die Angst!

Wir dokumentieren hier unseren Redebeitrag auf der Demonstration „Keine Angst für Niemand! Gegen die autoritäre Formierung der Gesellschaft. Antifaschistisch. Feministisch. Linksradikal.“, die am Vorabend des AfD Bundesparteitags 2017 mit bis zu 1.200 Menschen laut und entschlossen durch die hannoversche Nordstadt ging.

Der Beitrag orientiert sich inhaltlich am Text „We are all very anxious“, vom „Institute for Precarious Consciousnes“. Dieser erschien unter anderem bei den Genossen von Plan C. Und ist in einer deutschen Übersetzung hier verfügbar. Der Redebeitrag knüpft daran an und versucht unsere eigene Interpretation:

„Wir sind heute hier, um uns für ein Ende der Angst einzusetzen.
Damit meinen wir nicht die Ängste, die von den bürgerlichen Parteien und vor allem der AfD, geschürt werden und welche keinem anderen Zweck dienen, als Hass auf Andere zu produzieren.

Uns geht es um die Ängste, die diese Gesellschaft uns allen jeden Tag aufzwingt. Sie produziert Unsicherheit und sie versperrt den Zugriff auf das Potential, diese Welt so einzurichten, wie es vernünftig wäre.

Wir wollen euch jetzt einige Ideen zur Überwindung von Angst und Unsicherheit mitgeben und Vorschläge machen, wie eine radikale Linke daran arbeiten kann, diese Angst zu überwinden. Wir orientieren uns hierbei am Text „We are all very anxious“, vom „Institute for Precarious Consciousnes“:

Jede Form von kapitalistischen Produktionsweisen geht einher mit einem dominierenden „reaktiven Affekt“, der die Stabilität dieses Zustandes garantiert. Die Vorherrschaft des Affektes dauert so lange, bis Strategien des Widerstandes seine Dominanz brechen, bzw. die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen des Affektes bekannt sind.

Immer wenn so ein dominanter Affekt überwunden wird, kommt der Kapitalismus in eine Krise. Bis jetzt hat er sich danach immer um einen neuen dominanten Affekt restrukturiert. Diese Affekte sind immer öffentliche Geheimnisse – d.h. alle wissen davon, aber niemand spricht offen darüber – zudem werden sie personalisiert. Die gesellschaftlichen Strukturen, die den Affekt, heute die allgegenwärtige Angst, hervorbringen bleiben dadurch verborgen, so dass alle denken, sie seien selbst für ihre Misere verantwortlich.

In der gesamten Moderne, bis zur Nachkriegszeit, war das dominante Gefühl das Elend. Die zentrale Versprechung des 19. Jahrhunderts lautete: „der Kapitalismus führt zu einer Bereicherung für alle!“. Das öffentliche Geheimnis dieser Zeit war dagegen das Elend der arbeitenden Klasse.

Gewerkschaften und revolutionäre Bewegungen entwickelten Strategien das Geheimnis offen zu legen. Die erste Welle der sozialen Bewegungen war eine Maschine zur Bekämpfung des Elends durch Taktiken des Streiks und Arbeitskampfes, der politischen Organisation, der selbstorganisierten Bildung, Nachbarschaftshilfe und Gründung von Genossenschaften, zur Schaffung von Existenzsicherheit. Viele dieser Strategien sind auch heute noch brauchbar um Elend zu bekämpfen.

In der Nachkriegszeit, im Rahmen dessen, was in Deutschland „Wirtschaftswunder“ genannt wird, war das Elend als vorherrschendes Gefühl nicht mehr von Bedeutung und wurde von der Eintönigkeit abgelöst. Das zentrale Versprechen war, dass der Lebensstandard steigen und alle Zugriff zu Konsum, Bildung und Gesundheit erhalten würden. Das öffentliche Geheimnis dieser Zeit war die Eintönigkeit des Alltags. Diese war ein Effekt des fordistischen Wirtschaftsregimes, das erst zu Beginn der 80er-Jahre abgelöst wurde. Gegenwärtige soziale Bewegungen nahmen ihren Ursprung größtenteils in den 1960er-Jahren, als Reaktion auf den dominanten Affekt der Eintönigkeit.

Wenn jede Formation kapitalistischer Produktion einen eigenen dominanten Affekt hervorbringt, dann müssen Widerstände gegen den Kapitalismus Strategien entwickeln, um diesen Affekt zu überwinden oder aufzulösen. Wenn die erste Welle sozialer Bewegungen zum Ziel hatte, das Elend zu besiegen, dann hatte die zweite Welle ab den 60er-Jahren das Ziel der lähmenden Eintönigkeit zu entgehen. Dies ist die Phase aus der unsere eigenen Bewegungen stammen und deren Theorien und Praktiken immer noch weit verbreitet sind.

Viele dieser Taktiken zielen darauf ab das „Arbeiten-Kaufen-Sterben“ zu durchbrechen, dass das Leben der Generation um die 68er Revolten prägte. Autonome Gruppen, radikale FeministInnen und moderne KommunistInnen wendeten sich gegen die lähmende Arbeit. Durch Sabotage, den Aufbau autarker Versorgung, AussteigerInnentum und die Aneignung und Umgestaltung von Produktions- und Verwaltungsstrukturen. Diese politischen Auseinandersetzungen nahmen karnevalesque, militante aber auch pazifistische Formen an.

Der Übergang vom Elend zur Eintönigkeit war zentral für das Aufkommen dieser sozialen Bewegungen. Wir sind die Ausläufer der Bewegungen gegen die Eintönigkeit. So wie die Taktiken und Strategien der ersten Welle geeignet sind, um Elend zu bekämpfen, so sind die der zweiten Welle geeignet, um Eintönigkeit zu bekämpfen. Das Problem ist, dass die lähmende, Geist tötende Eintönigkeit lange nicht mehr unser Hauptproblem ist.

Unternehmen und Verwaltungen sind dazu übergegangen sich in flachen Hierarchien zu organisieren und zwingen Angestellte, die Arbeitsabläufe und letztlich sich selbst fortwährend zu optimieren.
Das Warenangebot hat sich vom Massenkonsum verschoben zur Ausdifferenzierung in unzählige Nischenprodukte. An den Rändern der Produktionssphäre, müssen sich die Menschen in informellen Arbeitsverhältnissen durchschlagen.
Die alten Kontrollmechanismen, die einen von außen bedroht haben, sind inzwischen internalisierte. Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft werden zur Grundlage gelingenden Lebens verklärt, gleichsam erscheint jedwedes Scheitern als ein persönliches Versagen, als Mangel an individueller Zurichtung.

Das öffentliche Geheimnis heute ist, dass alle ängstlich sind. Die Unsicherheit hat sich auf das Ganze des sozialen Lebens ausgebreitet. Alle Formen der menschlichen Interaktion sind durchzogen von verunsichernder Angst.

Wir müssen uns mit der Lähmung politischer Aktion durch Angst beschäftigen, wir müssen den Blick erweitern von der äußeren Überwachung durch Institutionen der Repression wie Polizei und Verfassungsschutz und der ständigen Leistungsvermessung durch Schule, Universität und Arbeit!

Wir müssen begreifen, wie die neuen kapitalistischen Ideen von Erfolg und gelingendem Leben diese Überwachung und Bewertung in die Subjekte einschreibt und sie dazu bringt, sich selbst zu disziplinieren.

Exzessiver Stress, Angst und Unsicherheit sind heute ein öffentliches Geheimnis. Wenn sie überhaupt öffentlich thematisiert werden, dann verstanden als individuelle psychische Probleme, die entweder in der „falschen“ Art zu Denken begründet sind oder mangelnder Anpassungsfähigkeit zueschrieben werden aber immer mit einem „Man muss nur richtig wollen und handeln“ verbunden sind.

Zynischerweise schlägt die öffentliche Meinung als Heilmittel für Stress nur mehr Stress vor, entweder als Ablenkung durch die Einführung neuer Maßnahmen zum Bestehen in der Konkurrenz oder durch die Schaffung neuer Sicherheitssysteme zur Überwachung des öffentlichen Raumes.

Die real existierende Unsicherheit der Menschen wird benutzt, um Maßnahmen zu legitimieren, die diese Unsicherheit erst hervorgebracht haben und konstant weiter verschlimmern. Das ist ein Teufelskreis, der unter anderem dazu führt, dass die Menschen sich darauf fixieren, sich in die vermeintliche Sicherheit der Familie oder der Nation zu flüchten: Die Sicherheit des Kollektivs als Ersatz für die erodierende Sicherheit des Selbst.

Doch dieses öffentliche Geheimnis funktioniert als Herrschaftsstabilisator nur solange es gelingt, Unsicherheit und Angst zu personalisieren!

Wir müssen dem auf allen Ebenen theoretisch und praktisch entgegentreten:
Von Neu-Rechten Positionen, die die Armen für ihre Armut und die Flüchtenden für ihren Status als Verfolgte verantwortlich machen. Über Therapien, die Depressionen auf das entstehende neurologische Ungleichgewicht reduzieren, bis zu den diversen Variationen des Selbstmanagements, die den verängstigten Subjekten eine Illusion der Kontrolle über ihr Leben vorgaukeln.

Diese können sie jedoch nur im Tausch gegen Konformität gegenüber dem kapitalistischen Modell von Subjektivität erlangen. Wir müssen heute widersprechen, wenn Abweichungen von diesem Modell als eigene Verantwortungslosigkeit gebrandmarkt werden. Wir müssen auch widersprechen, wenn die bürgerlichen Parteien, allen voran die AfD, versuchen aus dieser Unsicherheit Hass zu schüren und die Leute dazu animieren nach unten zu knüppeln.

Die Situation erscheint ausweglos, aber sie ist es nicht. Das vorherrschende Gefühl der Resignation und die latente Hoffnungslosigkeit sind immer schon Effekte des Prekären: Konstanter Stress und Überbelastung, das Zusammenziehen der Zeit in ein endloses Hier und Jetzt; die Verwundbarkeit und Austauschbarkeit von allen, in ihrer Vereinzelung und die Durchsetzung von Unsicherheit in allen Aspekten des sozialen Lebens.

Die Absicht des Systems seine Beständigkeit zu erhalten, indem es die Menschen in ohnmächtige Angst stürzt, macht es angreifbar. Denn Angst ist keine starke Herrschaftstaktik, sie ist Ausdruck einer Herrschaft, die selbst brüchig geworden ist. Wenn sich flüchtige Risse auftun und Momente von Revolten sowohl Angst als auch Ohnmacht als menschengemacht und außerhalb jeder Notwendigkeit stehend, erfahrbar machen.

Es gilt die Angst und ihre Produzenten anzugreifen! Wir müssen das öffentliche Geheimnis aufdecken und den dominanten Affekt brechen. Die Vorherrschaft der Angst dauert so lange, bis Strategien des Widerstandes ihre Dominanz brechen und so ihre gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen bekannt und wirksam bekämpft werden können.

Wir müssen neue Kriegsmaschinen entwickeln um uns gegen unsere eigene Zurichtung zur Wehr zu setzen. Wir müssen ein Außerhalb der Angst wieder erfahrbar machen und die atomisierende Herrschaft zerschmettern, die durch ihre Verschlankung und Selbstverleugnung zumindest in den Zentren dieser Welt neue Angriffspunkte bietet.

Wo die Subjekte sich vereinzeln, tut dies auch die Herrschaft. Eine progressive Bewegung gegen ihren zunehmend autoritären und unkoordinierten Charakter ist realistisch und nötig. Die Strategien und Widerstände jener, die uns den Hass auf diese Welt gelehrt haben, werden uns dabei heute aber nur helfen, wenn wir von ihnen lernen und sie nicht einfach kopieren wollen.

Wer heute KommunistIn sein will, muss wieder lernen, mit dem Bestehenden nicht sich gemein zu machen – diese Welt zu hassen!“