Redebeitrag: Kein Vergeben, kein Vergessen!

Wir dokumentieren hier unseren Redebeitrag, welchen wir heute anlässlich der Kundgebung des VVN-BdA am Mahnmal Gerichtsgefängnis Hannover gehalten haben.

Am 8. Mai 1945, gestern vor 71 Jahren, kapitulierte das deutsche Oberkommando bedingungslos – damit waren die deutschen Faschist*innen besiegt. Der 8. Mai ist daher ein Tag mit Symbolcharakter: Feiertag zum Sieg der Alliierten zum Einen und Mahnung, dass „Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe“ zugleich.

Was in der deutschen Geschichtsschreibung als „Stunde Null“ bezeichnet wird, war jedoch allenfalls im Ansatz eine solche. Vordergründig wurde nun die sogenannte „Entnazifizierung“ Deutschlands eingeleitet. So sollten ehemalige NSDAP-Mitglieder und Kriegsverbrecher*innen davon abgehalten werden, in der sich im Aufbau befindlichen BRD strukturelle Ämter in Bereichen wie Verwaltung, Politik, Bildung, Justiz etc. wieder zu besetzen und ihre Tätigkeit fortzuführen.

Tatsächlich jedoch konnten tausende Kriegsverbrecher*innen und Schreibtischtäter*innen des Nationalsozialismus unbehelligt weiter aktiv ihren Dienst tun: Ob als Abgeordnete, quer durch alle Parteien, in Bundes- und Landesparlamenten oder in den Kreisverbänden, ob als Diplomat*innen weltweit, in der Justiz, als Lehrende oder in der Verwaltung…. Nahezu die gesamte personelle Besetzung der Schutzpolizei, die während des Krieges der SS unterstellt war, in Deutschland und den besetzten Gebieten polizeilich agierte und noch bis in die letzten Kriegstage hinein für die systematische Folter und Exekution von zigtausenden politischen Gefangenen verantwortlich war, ging im Polizeiapparat der Bundesrepublik auf und baute dort heute bestehende Strukturen auf.

Doch nicht nur strukturell bestehen in der BRD Elemente des NS fort. Auch ideologisch wurde sich nur unzureichend und oberflächlich mit den Geschehnissen, deren Entstehen und Ursachen auseinandergesetzt. Unhinterfragt bleibt in weiten Teilen bis heute ein konstituierendes Element der nazistischen Ideologie – der wahnhafte Nationalismus der Deutschen: Die deutsche Nation, als ahistorische Konstruktion eines „homogenen Volkskörpers“ auf vermeintlich deutschem Boden, innerhalb willkürlich festgelegter Staatsgrenzen oder gar über diese hinaus.

Dieses Blut und Boden Verständnis des Volksbegriffs bildete die Grundlage für die Rassentheorie der Nazis und ist somit in letzter Konsequenz verantwortlich für die Verfolgung, Internierung und die millionenfache Folter, den industriell organisierten Massenmord an als „undeutsch“ Definierten. Dazu zählen mindestens sechs Millionen Jüdinnen und Juden, etwa eine halbe Million Sinti und Roma, die sogenannten Asozialen, die bis heute nicht offiziell als Opfergruppe anerkannt werden und politische Gefangene, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis umkamen!

Die mangelhafte Auseinandersetzung mit ideologischen Fragmenten deutsch-europäischer Faschist*innen, zeigt sich aktuell wieder, wenn europaweit Bewegungen entstehen, die sich auf (in den Grundzügen) ähnliche Muster der Blut- und Bodenideologie berufen. Ultrarechte, bis hin zu offen faschistischen Bewegungen und Parteien, finden großen Zuspruch in weiten Teilen der konservativen Bevölkerungsschichten und zogen teilweise bereits in Parlamente ein, um dort sozialpolitisches Handeln nach ihren Vorstellungen (mit) zu gestalten.

In Deutschland ist es beispielsweise die AfD, die an genau diese Vorstellungen appelliert, wenn sie gegen Flüchtende hetzt und von drohender Überfremdung und der Islamisierung eines imaginierten „christlich-jüdisch geprägten Abendlandes“ faselt. Die Formel des „christlich-jüdischen Abendlandes“, die sich nicht nur bei der AfD findet sondern allgemein immer wieder Gegenstand von Migrationsdebatten ist, ist angesichts der gemeinsamen Historie: christlich-religiöse Judenverfolgung und nur knapp 70 Jahre nach Auschwitz, eine besondere Widerwärtigkeit!

Als antifaschistische, antinationale Gruppe, die im universitären Umfeld aktiv ist, sehen wir die gängige Rezeption des NS in Deutschland kritisch. Die alleinige Dokumentation historischer Fakten reicht nicht aus, um Adornos kategorischem Imperativ nach Auschwitz, unser „ […]Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe“, gerecht zu werden.

Wir wenden uns gegen eine mangelhafte Auseinandersetzung mit den Ursachen und Hintergründen des faschistischen Deutschlands und seiner Verbündeten, gegen das Fortbestehen struktureller und ideologischer Bestandteile des Nationalsozialismus in der BRD! Wir erteilen deutschen Opfermythen und revisionistischer Erinnerungskultur eine klare Absage! Nein, es ist noch lange nicht gut!

Nein, wir vergeben und vergessen nicht!