Was vom Bildungsstreik bleibt: Fick die Uni!

Ein erster inhaltlicher Beitrag zum #bildungsstreik2014 von unserer Seite. Mehr wird folgen!

Der #Bildungsstreik 2014 bietet inhaltlich die Wiederkunft performativen Stillstands. [1]

So abgedroschen, wie die Forderungen erscheinen, so wenig vermag der Bildungsstreik das Potential zu entfalten, welches die Verhältnisse zu ändern vermag. In der theoretischen Borniertheit fällt dies beides in eins, um als mobilgemachte Reproduktion das Bestehende zu kitten, und dessen Krise subjektiv umzuwälzen. Und zwar als Krise der um ihre Bildung besorgten Studierenden. Sie streiken, um gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen, nicht um diese aufzuheben. [2]

Zynisch könnte man anmerken, dass dieses Ergebnis bei den Zwecken und Mitteln dieses Bildungsstreiks gewünscht sein könnte, gar dass die mangelhafte Kritik erfolgreich zur kritischen Mangelhaftigkeit übergegangen ist, für die man jetzt aber wenigstens selbst verantwortlicher scheint als vorher. So ist der Streik gegen das Kürzungsprogramm analog zum Arbeitsplatzerhalt der Opelaner, ruft nach dem Staat und kann möglicherweise gar nicht antagonistisch sein. [3]

Da wir wenig Lust haben, uns an dieser Stelle detailliert z.B. mit dem Papier aus Halle zu befassen, wollen wir einfach eigene Forderungen stellen; in Hoffnung darauf, dass ein möglicher Bildungsstreik sich diese – vielleicht als eine bessere Kritik – zu eigen machen könnte. [4]

„Was ist die Uni?“

Wir stellen Forderungen an die Uni, indem wir sie als Teil einer Gesellschaft begreifen, die Deutschland heißt und ihren Insassen feindlich gegenübersteht; sie als bloßes Mittel für die Verwertung nutzt. (Die Insassen finden dies meist gut.) Die Uni ist zuerst immer allgemein Teil dieser Gesellschaft und dann erst als Besonderes von ihr abgetrennt. Jedweder Versuch, zweiteres gegen ersteres ins Feld führen zu wollen, scheitert notwendig an der inneren Schranke, wo diese Freiheit von Forschung und Lehre ihre gesellschaftlichen Zwecke übertritt, auf die sie immer verwiesen ist – immer verwiesen sein wird. [5] Dies ist ein klassischer sozialdemokratischer Fehler.

„Uni ist anders als Schule
Weil nur Streber übrig sind“

Der studentische Standesdünkel des klassischen Bildungsstreiks ist uns fremd, weil er Wesentliches vergisst – das Wesentliche dieser Gesellschaft ist ihre Form. Diese gehört von Grund auf kritisiert. Alle Forderungen, die sich ans vermeintliche Eigentliche dieser Bildung richten, machen sich notwendig mit der Form dieser Bildung gemein (bspw: „Bildung ist keine Ware“, „Wir sind hier, Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“, „Bildung statt Ausbildung“, etc… [6] Die Form ist aber letztlich fatal, die falsche Rede – vermeintlich daran vorbei – ein vereigentlichter Jargon und autoritärer Dünkel.

An dieser formalen Schranke (dem Wert als Identität von Gesellschafts- und Denkform) schlägt jede Bildung notwendig um in Aufwertung, da jedwede Arbeit in dieser Gesellschaft Verwertung ist und wir an der Uni nichts anderes tun, als das Humankapital aufzuwerten, welches wir in dieser Gesellschaft sind. In der Warengesellschaft ist alles Ware, auch – ja gerade wir selbst, sind es. [7] Genau diese Form muss kategorisch aufgehoben werden.

Das Verhältnis von Studierenden und Universität ist daher im Zweifel der Widerspruch von Eigentum und Arbeit, die sich (in der akademischen Form nur scheinbar aufgehoben) widersprüchlich gegenüberstehen, verpackt in Nation, Recht und Gewalt. Abseits gängiger Forderungen wollen wir diese Feindschaft annehmen, wenn wir uns ihr im Streik verweigern. Das allein kann der Zweck von Streik sein. [8]

Was von der Uni dann noch zu fordern ist, ist zuerst ihre Abwesenheit, die einmal ihre größte Errungenschaft gewesen ist, wenn man Teil von ihr war.
Die Freiheit die wir fordern, ist die Freiheit von der Wissenschaft – die Möglichkeit zur (Selbst-)Reflexion. Die „Freiheit der Wissenschaft“ ist etwas für Staatsidealisten und Deutsche. Uns interessiert ihr Gegenteil, wir wollen ihre Abwesenheit. Dies gilt insbesondere für das, was uns stumpf und dumm macht. Wir sagen: Schlieszt (zuerst) alle WiWi-Fakultäten!

Wir wollen Luxus für alle, und Luxus ist uns, was knapp ist wie nichts anderes – Zeit.

Dies wollen wir an unserer Erfahrung aufzeigen: Was uns an der Zeit fehlt, frisst die Verwertung in ihrem Übergang ins Selbst. Unser Fließband ist unser deformiertes Gewissen, dass Fußnoten in Texte stampft. Wir sind nicht nur das automatische Subjekt, als welches das Kapital erscheint, sondern auch dessen ideologische Rechtfertigung.

„Bei Vorlesungen schreiben sie mit auf ihren Laptops
Und hören immer zu, obwohl sie gar nichts vertsteh‘n“

Willig machen wir uns ans Werk, jedweden Inhalt passend zu machen. Wir machen uns zu Triebkräften unserer (Selbst-)Proletarisierung, deren Textinhalte zur theorietesken Kenntlichkeit entstellt sind, so wie allgegenwärtige Aufputschmittel-Vergabestellen mit den Möbeln unserer Großeltern auch jeden privaten Rückzugsraum koffeiniert mobilmachen.

Ob wir das tun, weil wir dazu gezwungen sind, oder weil wir es selber wollen, lässt sich für uns nicht mehr unterscheiden. Unsere akademischen Hemdsärmel krempeln wir. Das ist unsere Aufgabe: Die Rechtfertigung, jegliche Dinge anzupacken und umzuwälzen, oder essentieller noch, die Menschen zum Arbeiten anzuhalten. Wir sind die Zukunft und wir sind die Tat, wir sind der Marschbefehl zu Semesterstart – wir sind anstrengend.

Wir sind die schlechte Aufhebung der Fabrik, die Fabrik ist in uns selbst übergangen. Sie ist unsere triste Sehnsucht, unser beschränkter Horizont. Arbeit und Arbeit am Selbst ist unser Sein. Gegen dieses falsche Selbst müssen wir also streiken.

„1933 wärn sie alle Nazis gewesen“

Was wir aber kennen, ist die Notwendigkeit zur Anbiederung und zur Komplizenschaft. Wir halten still, wenn wir dafür einen der knappen und schlechtbezahlten Jobs in der Uni bekommen. Wir kennen die Omerta dieser Akademie, wir kennen ihre Methoden. [9]
Wir werden sie selbst vollstrecken, gegen uns selbst, gegen Andere. Den Schrecken darin lernen wir zu verdrängen, unsere Disziplin gibt uns Halt, unsere Haltung gibt uns Orientierung. Falsch ist dies nicht trotzdem – sondern gerade deshalb.

Als „Generation der Wassertrinker“ ist uns jede Hoffnung auf einen besseren Zustand fremd, denn die Fremdheit zur ständigen Besserung ist uns zuerst immer eine Drohung, hinter der uns ihr möglicher Gehalt verloren geht. [10]Was uns in der Drohung bleibt, ist Angst und Normalität. Wenn die Angst aber daheim wohnt, muss unser Anliegen das Gegenteil von Fremdenfeindlichkeit sein.

Die Anschaulichkeit dieser Angst zeigt sich in unseren kargen WGs, in unseren schlechten Nebenjobs und unserem verkorksten Bemühen um Intimität. Unser Scheitern in diesem Leben ist nichts, was noch ausstehen müsste. Unser gemeinsames Hamsterrad, in dem wir gegeneinander laufen, oder laufen lassen, ist verdammt elend eingerichtet. [11]

Wir fordern heute die politische Möglichkeit, uns dies endlich eingestehen zu können – und wir fordern uns die materiellen Grundlagen dieser Möglichkeit nicht ständig zu entreiszen. Wir fordern ein Leben, in dem man ohne Angst innehalten kann.

Wir fordern aber auch ein Ende der Notwendigkeit, Forderungen als „Wir“ stellen zu müssen. Das heiszt für uns, dass wir uns für die Verwirklichung des Du und Ich, eben nicht positiv auf die Standortnation beziehen können. Wir brauchen keine Argumente für, sondern gegen den Staat, gegen Volk und Nation und gegen die Ideologie, die bei uns noch Wirtschaft heißt.

Wenn wir uns wichtig nehmen wollen in der Uni, dann sollten wir uns entweder Lehrstühle aneignen (was die schlechtere Möglichkeit ist), oder einsehen, dass wir auch wegbleiben könnten. Wenn zweiteres zu teuer scheint, ist das Problem benannt.

Wir wollen innehalten, wir wollen reflektieren ob der Möglichkeit des Sein-Lassens. Die Katastrophe ist nichts, was noch aussteht, denn unser Elend haben wir uns erarbeitet. [12] Nehmen wir es ernst, hören wir doch einfach auf damit. Die Uni an sich könnte auch einfach kategorisch falsch sein. [13]

Das Glück liegt direkt vor uns im Hörsaal oder auf der Strasze. In der Möglichkeit, nicht mehr zwanghaft fürs Studium arbeiten zu müssen, sondern auf dem Wasser zu liegen und in die Wolken zu schauen.

…Oder in lauen Nächten auf den Dächern vielleicht auch Deiner Uni.

„Was ist die Uni? Die Uni ist nichts !“ [14]

[1] Vgl. http://bildungsstreik2014.de/
[2] Vgl. http://bagrupowi.at/upload/magnus_klaue_die_bildung_als_widersacher_des_geistes.mp3
[3] Vgl. zum Beispiel in Leipzig https://www.facebook.com/rektoratsbesuch/info
[4] Mit dem Papier aus Halle wurde sich bereits gut befasst: http://nokrauts.org/2013/07/aufstand-der-angepassten/
[5] „Die Freiheit der Wissenschaft, ihr Schutz durch den Staat vor partikularen Interessen, die sich ihrer bemächtigen wollen, bedeutet also das Gegenteil von dem, was manche in ihr sehen möchten: einen Entzug wissenschaftlichen Tuns aus dem Bereich gesellschaftlicher Zweckbestimmungen.“ http://www.gegenstandpunkt.com/vlg/staat/staat_05.htm
[6] Vgl: http://www.conne-island.de/nf/165/3.html
[7] Als die Ware des bürgerlichen Arbeitskraftbehälters.Vgl: http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit
[8] Wir vermuten an dieser Stelle emanzipatorisches Potential bei der Uni-Brennt-Bewegung wie bei der Occupy-Bewegung, das bislang nicht wahrgenommen wird: Es wurde nicht gearbeitet, wenn auch für falsche Zwecke.
[9] Magnus Klaue, Protektion und Protest, Die „offene Universität“ als Wunschbild und Albtraum. http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web57-1.html
[10] Vgl: http://www.zeit.de/2012/21/P-Politikwissenschaft
[11] Das wusste die Situationistische Internationale schon 1967: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm
[12] Vgl: http://www.bagrupowi.at/ – Wir meinen selbstredend das Bild, und die Worte Walter Benjamins.
[13] Vgl. http://akgesellschaftskritik.wordpress.com/2013/12/12/die-alternativlose-universitat/
[14] Dies und alle weiteren eingeschobenen Zitate von der Antilopengang: http://www.youtube.com/watch?
v=3ZsK5WTAv_o