Der Untergang des Elfenbeinturms

Vom Unsinn der Berufung auf die Hochschulautonomie und auf andere Ideale
erschienen in der aktuellen Ausgabe der KontrAST

Wir wollen mit diesem Text aufzeigen, dass es Unsinn ist, sich als Verteidiger von Idealen aufzuspielen, und zwar genau gerade dann, wenn die Wirklichkeit Angenehmeres anzubieten hat.

Um es ganz trivial vorweg zu nehmen: Erst wenn bestimmte Dinge sein gelassen werden, die einfach nicht sein müssten, wird diese Welt eine bessere werden – denn es mangelt dieser Welt nicht an Idealen, die noch nie etwas anderes waren als Vorwände, Menschen zu belästigen. Es mangelt dieser Welt vielmehr an Freiheit von diesen Idealen und den Menschen am Anspruch, sich ohne Anspruch gegenüber zu treten.

Vorwand für uns, diesen Text zu schreiben, war ein von uns viel gescholtener Professor Geiling, der sich zuletzt hervortat als „ ein Vertreter der Hochschulautonomie.“ [1] Diese Hochschulautonomie sah Geiling gefährdet, als eine Gruppe Antifaschist_innen in einem Hörsaal das Wort ergriff, um darauf aufmerksam zu machen, dass unter uns am IPW die NPD-Chefin von Hannover studiert. [2]

Interessant ist für uns hier, dass Heiko Geiling ein gedankliches Manöver vollzog, dass als solches bemerkenswert ist, weil wir es sowohl für falsch halten, wie auch für weitverbreitet: Die Verteidigung des vermeintlich gefährdeten Ideals vor den bösen Fremden. Dies schreit uns, wie der Titel vorweg nimmt, nach Aluminium-Hut, Oswald Spengler und Dr. Axel Stoll.

Falsch an der vermeintlichen Gefährdung des Ideals ist vor allem das Verständnis davon, was diese Hochschulautonomie eigentlich sein soll. Dieses Fehlverständnis beruht darauf, dass die Universität als Institution für Wissenschaft die Welt negiert, also den Gegenstand abstrakt aufheben muss, um daraus so etwas wie einen möglichst objektiven Begriff zu schaffen. Dazu muss die Uni Differenz vorwegnehmen, als wäre sie nicht Teil dieser Gesellschaft, sondern von ihr getrennt. [3]

Das Grundgesetz regelt diese Trennung von der Gesellschaft als Freiheit von Forschung und Lehre, und auf diese Norm berufen sich dann nicht nur Geiling, sondern nebst vielen Anderen auch Studierende beim Bildungsstreik („Bildung ist keine Ware“ – „Gegen die Ökonomisierung der Universität“), die aber zu beschränkt sind, die ganze Warenform dieser Gesellschaft zu kritisieren.

Die Wahrheit bei dieser Wissenschaftsfreiheit ist, dass sie keine absolute Abschottung bedeutet, sondern ein funktionales Ausklammern von den unmittelbaren Zwecken dieser Gesellschaft – aber eben auch, dass die Wissenschaft an diese Zwecke vermittelt bleibt wie ein Kohle-Tender an eine Dampflokomotive. Die Institution, die beides umfasst, nämlich Universität und Gesamtgesellschaft, ist die Staatsgewalt. Der Zweck der Staatsgewalt ist die internationale Konkurrenz, ihr Mittel die Verwertung von Arbeitskraft.

Diese Staatsgewalt räumt einen Raum ein, in dem sie nicht notwendig unmittelbar in kapitalistischen Wettbewerb umschlägt, um diese Konkurrenz durch objektives Wissen zu ermöglichen – unmittelbar durch die Unternehmen betrieben wäre Forschung nicht rentabel, da Erkenntnis kein optimierbarer Vorgang ist. Wissenschaft ist daher notwendig Bestandteil der inneren Landnahme des Kapitals, gerade deswegen, weil sie vermittelt davon getrennt ist.

Diese bürgerliche Wissenschaft, die gerade eben zu diesen Zwecken der Nationalwirtschaft von dieser Anders ist, heben ein gutes Dutzend Menschen im Hörsaal nicht auf, so wie das Finanzierung durch Drittmittel nicht tun können. Die Vermittlung gibt es nach wie vor – Die Universität und der gesellschaftliche Wille zu ihrem Bestand sind gemeinsam und beständig verwirklicht.

Die Abschaffung des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebes steht durch ein Nazi-Outing nicht zur Debatte. Die Hochschulautonomie muss nicht verteidigt werden, weder von Studierenden, noch von Dozierenden, denn die Staatenkonkurrenz ist notwendig auf sie verwiesen, und hält sie daher auch aufrecht. Wozu werfen sich dann aber regelmäßig Ritter in strahlende Uniform, um den Elfenbeinturm zu retten (wie bspw. dieser Prügelprofessor in Bochum)?

Gegenstand der Verteidigung ist nicht das Ideal selbst, welches die Staatsgewalt verwirklicht, sondern die Identifikation damit. Es geht den Verteidigern des Wertekonservatismus im Kern um den Erhalt ihrer Identität. Diese Identität ist der Panzer, hinter der sie ungestört erbärmliche Tröpfe sein können. Die Ideologie, wonach das Dasein in der bürgerlichen Gesellschaft wohlständig, aufgeklärt und friedlich sei, bekommt anhand der persönlichen Krisen gerne einmal einen Riss. Der Ruf nach dem starken Staat soll dann die brüchige Legitmation von Gewalt kitten, indem diese Gewalt einfach für sich selbst sprechen soll. Genau das ist das Einfallstor für Faschismus.

Diese brüchige Identität ist unerträglich für alle, die meinen, mit den herrschenden Idealen ihren elenden Alltag rechtfertigen zu müssen. Die Identität von Gewalt, Ideal und dessen Rechtfertigung wird erneuert, indem die persönlichen Schädigungen darin ins Aussen projiziert werden. Der Feind ist dann immer der Andere, niemals das, was man sich selbst und anderen antut. Dieses vermeintlich Fremde wird dann bekämpft; seien es die privaten Drittmittelgeber, seien es Antifaschist_innen, die gemeinsam haben, dass sie aus der Universität heraus fremd erscheinen. [4]

Davon einmal ab, dass Identitätspolitik also falsch ist, wenn es um den Ausweg aus der persönlichen Armseligkeit geht, so verstellt sie auch den konkreten Blick darauf, was diese objektiv bedingt, und aufgehoben werden müsste. Die Möglichkeit zur Kritik der Verhältnisse aus der subjektiven Krisensituation wird unter dem affektierten Gehabe begraben. Der Affekt wird dergestalt falsch vermittelt, dass er die Befriedigung der ihm zu Grunde liegenden Bedürfnisse untergräbt. Aus der Zurichtung des Subjekts wird so der nationale (Selbst-)Optimierungswahn; aus Angst wird durch Gewalt verfestigter Zwang, der einen objektiv besseren Zustand verstellt.

Anstatt also gesellschaftlich idealisierte Gewalt im Affekt zu sich selbst kommen zu lassen, wäre es gerade dann angebracht zu reflektieren, was man da eigentlich tut , wenn einmal wieder die Pferde durchgehen. Wenn der Weltgeist anklopft, Stress, Mühe und Arbeit sich praktisch von selbst erledigen, ist genau der richtigte Moment fürs Innehalten – was nicht den Änderungsbedarf als solchen in Frage stellt, sondern den richtigen Weg. Arbeit, die man auch sein lassen könnte, ist die Geißel dieser Gesellschaft. Das liegt gerade nicht daran, dass es der Realität an Ideal mangelt, sondern an der Realitätswidrigkeit der Ideale. Die Uni könnte auch einfach völlig falsch sein.

Der bessere Zustand wäre jener, in dem man ohne Angst anders sein könnte, wo man also das Studium und die Arbeit auch sein lassen könnte.Wo auf dem Wasser liegen und in die Wolken schauen kann. Die richtige Frage an den Gegenstand ist also, ob dieser dieses Schöne Leben möglich machen kann, und wenn nicht, wie man ihn aus der Welt schafft. Es handelt sich ja beim Ideal nur um ein Ding, also etwas letzlich völlig unwesentliches. Wer das verkennt, verliert sich selbst in diesem Fetischismus, geht völlig verschüchtert durchs Leben, oder ist einfach nur dumm.

Statt also die Uni zu verschlimmbessern, gerade wenn diese ihren falschen Bestimmungen nachkommt, wäre es einem Bildungsstreik 2014 angemessen, genau solche Fragen zu stellen.

[1] Auf dem Podium im Januar
[2] Frau Krieger studiert hier (neben einigen anderen Menschen gleicher Gesinnung) im Übrigen immer noch.Wir brauchen an dieser Stelle nicht auszuführen, wen und was Nazis wie diese Frau noch vergasen wollen; warum wir damit ein ernsthaftes Problem haben und warum wir diese Aktion damals wie heute für legitim halten.
[3] Dieses Distanzierung vollzieht in jeweils spezifischer Form jede Institution in dieser Gesellschaft.
[4] Die Wahrheit an dieser Stelle: Wir von der Weltverschwörung sind nirgendwo fremd, wir haben überall unsere zersetzenden Gierfinger und bitterbösen Absichten im Spiel.